Torchwood: Nur eine weitere Agentenserie
Die Zeichen für eine weitere gute Serie aus dem Who-Universum standen eigentlich auf Grün: Mit Captain Jack Harkness hatte man eine interessante Figur aus dem Whoniverse, die Teammitglieder sahen viel versprechend aus, dazu noch Torchwood an sich, eine Einheit die ähnlich wie UNIT sich um alles Mysteriöse, Unheimliche, Geheimnisvolle kümmern sollte - all das sollten doch Zutaten für eine hochwertige Serie sein. Letztendlich ist Torchwood aber nur eine weitere Agentenserie geworden, die leider nichts vom Flair des Whoinverse vermitteln kann. Die Gründe sind vielfacher Natur und werden mit Spoilern im nächsten Abschnitt nach dem Klick behandelt.
Vorneweg: Torchwood sieht phantastisch gut aus, der Look-and-Feel der Serie erinnert mit ihren dunklen Szenen, der Google-Earth-artigen Ansicht von Cardiff sowie die eingesetzten Spezialeffekte machen die Serie durchaus attraktiv. Dazu kommt noch, dass die Rollen durchaus mit kompetenten Schauspielern besetzt sind. Insofern macht Torchwood eigentlich alles richtig - doch es gibt mehrere Probleme, die die Serie hat.
Das Erste ist sicherlich die mangelnde Entwicklung der Figuren. Owen, Toshiko, Gwen, Ianto und selbst Jack haben zwar jeweils in der ersten Staffel der Serie eine Folge, in der nur sie im Mittelpunkt stehen und die helfen soll den Charakter verständlicher zu machen doch abgesehen von diesen Einzelepisoden, die keinerlei Auswirkungen auf die Serie an sich haben tut sich bei Torchwood nicht viel. Nehmen wir z.B. die Sache mit Owen und Gwen in "Countrycide". Beide schlafen miteinander, darauf wird in den Episoden danach zwar auch immer wieder angespielt aber diese konfliktbeladene Situation, die durchaus in der Cyberwoman-Folge vorgedeutet wurde - insofern sind die Macher von Torchwood schon geschickt - spielt eigentlich keine Rolle. Bis auf die Szene in der Gwen Rhys, ihren Freund, mit einer Amnesia-Pille versorgt und ihm den Fehltritt beichtet - wobei sie auch nicht weiter erklärt warum sie jetzt mit Owen schlief und überhaupt, sollte man nicht zuerst das Geständnis machen und dann die Pille verabreichen wenn man weiß, dass diese relativ schnell wirkt? Wie man ja selber wissen müsste? Noch so eine Sache, die bei Torchwood einfach zu oft vorkommt, dazu aber später mehr. Selbst danach spielt das Ganze überhaupt keine Rolle mehr.
Dann hätten wir da noch Ianto, dessen Freundin Lisa zwangskybernetisiert wurde beim Kampf in Canary Dwarf und sie seitdem tief in den Kellern von Torchwood versteckt. Der bis dahin zugeknöpfte Coffee-Boy erweist sich auf einmal als Heulsuse, kritisiert Jack in der Folge heftig und wird durch den Tod Lisas heftig mitgenommen. Danach ist er wieder so cool wie eh und je, dass allerdings mehr in ihm steckt beweist dann wiederum Toshikos Folge, in der sei einmal seine Gedanken liest - die doch deutlich anders sind. Einzig bei Owen gibts eine kleine Entwicklung in den letzten Folgen, der typische Nerd-Wissenschaftler, der sich im Piloten ja nur dank des Sprays eine "Freundin" an Land angelt, hat seine große Liebe verloren und in der letzten Folge fühlt er sich durchaus verantwortlich für das, was er angerichtet hat und versucht es wieder gutzumachen - und schießt dabei auf Jack! Ein hochdramatischer Moment an sich, denn Owen weiß nicht dass Jack unsterblich ist. Und was passiert am Ende der Episode? Jack sagt großzügig, dass er ihm verzeiht, alle haben sich lieb und voila - alles auf Anfang. Wenn irgendwas in der Folge passiert, dass für die Charaktere wichtig sein könnte, dass sie berührt haben muss hat entweder in den nächsten Folgen gar keine oder nur geringe Auswirkungen. Die Figuren sind praktisch am Ende der Staffel immer noch dort wo sie zum Ende des Piloten waren. Schön, Gwen hat Beziehungsprobleme. Na ja. Ianto fängt offenbar ein Verhältnis mit Jack an - jedenfalls wirds angedeutet, das ist alles andere als klar obwohl es Hinweise gibt und Toshiko hat ein wenig mehr über Jack erfahren. Das kann es ja eigentlich dann doch nicht sein.
Ist das denn beim Doctor so wesentlich anders? Die Frage ist berechtigt, aber tatsächlich gibts beim Doctor dann doch mehr Charakterentwicklung als man meinen könnte - und die ist sogar logisch. Dass der Doctor sich selbst bei der Regeneration ändert ist geschenkt, aber nehmen wir mal Mickey Smith, der zumindest in der zweiten Staffel "From Zero to Hero" wird. Und das ist sogar logisch, denn dadurch dass er am Ende des Cyberman-Zweiteilers in die Rolle von Rickey schlüpft wirkt er im Finale der zweiten Staffel glaubwürdig. Anders als Ianto in der Cyberwoman-Folge, der urplötzlich zur Heulsuse mutiert... Sogar Jackie Tyler ist am Ende der zweiten Staffel etwas anders als zu Beginn der neuen Who-Serie: Während sie zuerst noch klammert kann sie nach und nach loslassen und akzeptieren, dass Rose "auf Reisen ist". Auch der Doctor selbst ist in Bezug auf die erste neue Staffel ein Charakter, der spannend ist weil er ab und an Facetten zeigt, die man so von ihm nicht ganz erwartet hätte, weil er einen in der Dalek-Folge mit seiner Wut und seiner Heftigkeit überrascht, während er in "The Doctor dances" vollkommen heiter und gelöst sein kann. Und gerade diese Gegensätze fehlen den Charakteren in Torchwood - Gwen bleibt immer die staunende, Jack kritisierende Polizistin, Ianto der in sich zurückgezogene Administrations-Typ, selbst Jack ist doch überwiegend der coole, harte, abgebrühte Leiter der Spezialeinheit, der bis auf wenige Momente so in "Out of Time" oder der Elfen-Geschichte auch andere Seiten zeigen kann. Aber das reicht leider nicht um das Interesse an der Figur zu halten.
Das hätte man vielleicht dadurch, dass man sich wie im Vorhinein angekündigt an seiner Geschichte als roten Faden orientiert hätte ändern können. Wir erfahren recht wenig über Jacks Vergangenheit oder über die Art wie er in die Gegenwart des Jahres 2006 kam, schließlich ist das ja DIE große Frage, die die Who-Zuschauer brennend interessiert und auch so ist Jack eigentlich eine sehr interessante Figur. Vielleicht hätte man, wenn man ab und an mal eine Andeutung hier, einen Rückblick da einfließen gelassen hätte durchaus Interesse für Jack erwecken und halten können - allein schon die abgetrennte Hand des Doctors im Glas hat viel Potential beinhaltet, das einfach nicht genutzt wurde. Das, was man in der ersten Staffel des Doctors tat - nämlich Anspielungen auf etwas zu machen - hat man bei Torchwood recht spät eingeführt, mag auch sein dass man früher diesen Satz über das, was im Dunkeln ist und demnächst kommt, also Abbadon am Ende der Staffel, nicht richtig in den ersten Folgen mitbekommen hat. Hier drängt sich von selbst der Vergleich zu Buffy oder Angel auf - Serien, die RTD explizit als Vorbild für Torchwood genannt hat.
In der siebten Staffel von Buffy, die durchaus auch ihre Schwächen hat keine Frage, fällt schon in der ersten oder zweiten Folge der Satz, dass etwas in der Tiefe lauern würde. Im Laufe der Staffel selbst wird öfters auf diesen Satz Bezug genommen - sei es dass er wiederholt wird, sei es dass die Bedrohung sich von Folge zu Folge verdichtet bzw. dass es Hinweise in den einzelnen Folgen selbst gibt bis es zum Finale kommt. Bei Torchwood fällt zwar öfters der entsprechende Satz, in der letzten Folge tauchen auch wie bei Buffy die Gestalten von Verstorbenen oder Geliebten auf um die Protagonisten wie bei Buffy zu beeinflussen - die Parallele ist nun sehr offensichtlich - aber das Ganze wird weder sorgfältig genug aufgebaut noch sorgfältig genug aufgelöst. Hat man in der letzten Folge von Buffy das Gefühl, dass jetzt wirklich tatsächlich alles anders ist so wird im Finale von Torchwoods erster Staffel mal eben rasch das Monster beseitigt, Jack wieder zum Leben erweckt - wobei schon klar war, dass der nicht richtig tot sein kann weil er in der dritten Who-Staffel eine Rolle spielen wird also muss er ja am Leben bleiben insofern war das auch wieder nicht gerade spannungsfördernd wobei man sich auch für die zweite Staffel noch eine Hintertür offenhalten wollte - und dann, tja, dann taucht die TARDIS auf und weg ist er. Das wirkt alles so als hätte RTD zwar eine wirklich großartige Idee gehabt, aber nicht so ganz gewußt wie er sie aufbauen oder auflösen wollte.
Das trifft auch auf viele Elemente der einzelnen Folgen vorher zu: Der Weaver, der im Pilot gefangen wurde, sitzt praktischerweise so lange im Kellergewölbe bis er für die "Fight Club"-Episode gebraucht wird. Ah ja. Der Pterodactylus wird im Piloten eingeführt, hat seinen großen Auftritt in der Cyberwoman-Folge und taucht danach nie mehr auf - gut, er war nicht unbedingt handlungstragend aber doch ein Element, dass Torchwood etwas Who-Flair verlieh. Falls er beim Kampf getötet worden wäre hätte mans ja auch irgendwo sagen können... Da machen Gwen und Jack erotische Waffenübungen, die es deutlich knistern lassen zwischen ihnen - was für mich glaubhafter wäre als diese Owengeschichte - und das kommt nie mehr zur Sprache. Es sind viele McGuffins, die in der Serie vorkommen, viele Dinge die für eine Folge zwar nett sind aber von denen man dann doch mehr erwartet. Stattdessen verschwinden sie in der Versenkung. Der Glove und das Knife sowie Suzie mal ausgenommen, aber auch daraus hätte man viel mehr rausholen können wobei bei dieser Folge die Plotlöcher ja auch noch am deutlichsten zu sehen sind - wie kommt Suzie z.B. aus dem Wagen von Gwen ins Krankenhaus? Auf eigenen Beinen? Der Rollstuhl muss ja vom Krankenhaus herstammen, im Wagen kann Gwen den kaum gehabt haben. Und warum bringt Suzie ihren Vater um wenn der sowieso an Krebs sterben wird? Da schüttelt man doch als Zuschauer den Kopf. Und während beim Look-and-Feel eher das Vorbild Buffy bzw. Angel auftauchen hat Torchwood eine große Vorliebe für große Taschenlampen mit denen schon Mulder und Scully hantiert haben - was ja nichts Schlechtes ist wenn man das als Hommage versteht, aber auffällig sind solche Details dann doch - und Unstimmigkeiten nehmen einem dem Spaß beim Zusehen.
Owen, Jack und Gwen haben eindeutig den größeren Raum in der Serie zugestanden bekommen was die Charaktere anbelangt, Toshiko taucht dann nochmals öfters auf als Ianto aber RTD oder die Autoren scheinen Probleme damit zu haben ein Gesamtensemble richtig und stimmig zu führen, das Interesse des Zuschauers so zu verteilen dass alle Charaktere gleichbleibend und interessant sind. Wenn auch hier Josh Whedon Vorbild gewesen sein sollte, hat RTD das eindeutig nicht erreicht.
Das grundlegende Problem dürfte wohl sein dass man mit dieser Serie - recht eindeutig in meinen Augen - auf eine Wiederverwertung auf dem amerikanischen Markt geschielt hat und dazu noch auf Zuschauer, die Doctor Who nicht kennen. Den Spagat den Nicht-Who-Fans was zu bieten und den reinen Who-Fans gleichermaßen eine interessante Serie zu bieten ist natürlich ein Balance-Akt. Gut, auch bei Angels erster Staffel gab es zu Beginn Holperungen, aber gegen Ende hatte Angel ein eigenes Profil. Das ist bei Torchwood noch nicht der Fall, was schade ist. Vielleicht wird es in der zweiten Staffel noch so weit kommen...
Was bleibt also unterm Strich von dieser ersten Staffel: Trotz der Mängel ist Torchwood eine auf hohem Niveau produzierte, gutbesetzte Agentenserie. Etliche Folgen sind durchaus gelungen, es ist gute Unterhaltung aber das, was man eigentlich erwartete - nämlich den besonderen Who-Flair, hat die Serie leider nicht. Torchwood kann man sich als gute Popcorn-Unterhaltung für den Gelgenheitszuschauer etablieren. Und da ABC die Serie ja übernehmen wird in diesem Jahr hat man zumindest ein Ziel erreicht. Vielleicht ist die zweite Staffel auch besser als die erste, das müssen wir dann abwarten. Momentan allerdings freue ich mich erstaunlicherweise doch eher auf die Sarah-Jane-Adventures und die dritte Staffel von Doctor Who....