PR 2400 - Zielzeit
Einen extradicken Sonderband hat uns da die Perry-Rhodan-Redaktion als Jubiläumsband hingelegt. Fast beinah das Doppelte des Umfangs, dazu ein Klappcover - das hybsch aussieht zugegeben, aber dafür hat man diesmal kein Poster beigelegt. Nun ja, man kann sich das Ganze natürlich kopieren und dann an die Wand hängen oder mit einem guten Drucker ausdrucken - schließlich gibts auf der Perry-Seite zum Band ja die ganzen Vorlagen dazu. (Wobei - diese Redirekt wenn man einen Link dort anklickt ist alles andere als benutzerfreundlich und dass man momentan nicht den fertigen E-Shop für die Hörbücher fertighat - hmm, ein Abo soll aber möglich sein. Die Hörbuchfassung ist ja schon online, die gibts kostenlos erstmal.)
Robert Feldhoff bringt uns also in die Zielzeit - ob der Roman gelungen ist oder nicht erfahrt ihr nach dem Klick, denn noch ist das Ganze als Spoiler zu betrachten... Falls wer fragt: Nein, ich habe keine Extrasondersendung aus der PR-Redaktion bekommen, mein Händler in einem gewissen Städtchen hatte den Band allerdings glücklicherweise schon parat.
Während Atlan auf dem Weg nach Hangay ist und dort gegen die Negasphaere aktiv werden wird enthüllt Perry auf der Erde Bully, Homer und Mondra was er die ganze Zeit geheimgehalten hat. Genauer geschrieben: Er enthüllt es eigentlich nur Mondra und der gesamten Besatzung der JULES VERNE, die unter falschen Tatsachen hergestellt wurde und verblüffend an die SOL erinnert - im kleinerem Maßstab. Es herrscht strengste Geheimhaltung, denn TRAITOR bzw. die dahinterstehende Superintelligenz könnte Augen und Ohren überall haben. Es steht, so enthüllt Perry schließlich, tatsächlich eine Zeitreise an. Dazu nutzt man eine Maschine, die eigentlich nicht gebaut hätte werden dürfen - so jedenfalls die Erbauer, die Allgorianer dazu. Ein Prototyp, der aus dem Boden gestampft wurde. Damit will Perry und mit der JULES VERNE zurück in die Vergangenheit reisen um die Retroversion einer Negasphäre zu beobachten. Der Nucleus weiß zwar, dass eine solche Wiederherstellung einer Galaxis möglich ist, die von den CHAOTARCHEN - höheren Ordnungsmächten - initiiert worden ist, aber wie das vonstatten geht - da muss der Nucleus passen. Aber in der Vergangenheit ist eine solche Retroversion schon einmal gelungen, in der Mächtigkeitsballung von ARCHETIM. Millionen Jahre in der Vergangenheit. Um diese Rekonversion zu beobachten reist Perry also mit Mondra und der JULES VERNE zurück in die Zeit...
Zwar gelingt der Zeitsprung, aber die JULES VERNE wird beschädigt, die allgorianischen Techniker liegen im Koma, ob die Zeitmaschine überhaupt einsatzfähig ist für eine Rückreise ist fraglich. Darüberhinaus ist das Schiff schutz- und hilflos. Glücklicherweise sind es zuerst die Shohaaken, die das Schiff finden - der Kommandant der Flotte ist von Perry Ritter-Aura überrascht und nach einigen Vorbehalten kommt man sich etwas näher. Nachdem man nach Oanghar geschleppt wurde tritt schließlich die Beauftragte der SI ARCHETIM vor Perry - Kamuko. Die ist diejenige, die den Treck des GESETZES steuert, der in die ferne Galaxis Share-Tarm aufbricht um gegen die Negasphäre zu kämpfen. Während alle Welt vermutet, dass ARECHETIM weit, weit weg von der Heimat ist weiß Kamuko und ein Teil ihres Stabes, dass die SI längst wieder in ihrem HORT ist. Allerdings kann Kamuko die SI nicht erreichen, die das Startdatum für den Trek festsetzen soll. Kamuko trägt eine sogenannte Sonnen-Aura, die sie als Stellvertreterin der SI ausweist - und die ist ähnlich der Ritter-Aura von Perry. So kommt man sich näher - allerdings, gerade als Kamuko den JULES VERNE gestattet hat als Beobachter beim Trek mitzufliegen gellt ein Alarm durch den Raum. Die Nachtlicht-Rüstung ist gestohlen worden. Eine Rüstung mit Eigenleben allerdings, wozu diese dient oder was sie ist wissen die Diebe jedenfalls nicht - dummerweise lösen sie aber einen Alarm aus. Und unglücklicherweise fällt der Verdacht auf Gucky. Dass hinter dem Diebstahl drei pantherartige Wesen aus dem Volk der Laosoor, angeheuerte Diebe die vor allem ein Ziel haben: Eine Person mit Aura zu kidnappen. Perrys Auftauchen und der Verdacht, der auf die Mannschaft fällt sind den Laosoor natürlich alles andere als genehm und da Kamuko momentan unerreichbar ist schleichen sie sich an Bord der VERNE und warten erstmal ab. Mit einem spektakulären Manöver kann sich Perry den Verfolgern Kamukos entziehen - die VERNE ist immerhin noch schwerstbeschädigt. Somit sind die Terraner erstmal im Nachteil: Sie werden galaxisweit gesucht, die Technik funktioniert nicht - wenn, dann nur für einen Sprung zurück in die Gegenwart - und sie haben blinde Passagiere an Bord. Das verspricht ja sehr aussichtsreich zu werden...
Es sind vor allem die kleinen Momente in diesem Roman, die wirklich gut gelungen sind. Positronik-Spammer, Perrys letzter Blick auf Terrania-City, das Genörgel der Freunde, die endlich wissen wollen woran sie sind, die Schilderung eines Regentags - das sind Dinge, die ich in einem normalen Roman leider in der Vergangenheit vermisst habe. Vor allem stellt Feldhoff Rhodan endlich mal wieder als menschliches Wesen dar, zu dass man vielleicht am Ende doch noch als Leser einen Zugang bekommt - nicht der Übervater der Menschheit ist in der ersten Hälfte des Romans zu erleben, nicht der distanzierte, ferne Rhodan sondern jemand, der mitdenkt, der mit kleinen Gesten zeigt, dass er trotz allem immer noch ein Mensch ist. Sogar eine kleine Andeutung von Sex liegt zwischen den Worten des Romans - Mondra natürlich in erster Linie, aber auch Kamukos Szenen im zweiten Teil des Romans sind sehr gut gelungen. Allerdings: Manchmal habe ich das Gefühl, dass Robert hier zu sehr auf die Bremse tritt was das Erotische anbelangt. Schön, wir sind nicht bei "Farscape" oder "LEXX" und auch nicht an Bord der TARDIS - wobei man sich vielleicht ein wenig von Marthas Beziehung zum Doctor abschauen könnte, da lag die Erotik halt auch in kleinen Dingen und das hat funktioniert. Allerdings: So allmählich sollte sich auch der normale Perry-Leser damit abfinden, dass an Bord eines Raumschiffes auch ein gewisses Mass von Erotik und sogar Sex gehört - der normale Menschenverstand sagt einem doch, dass das nicht ausbleibt wenn ein Haufen von Menschen für Jahre in einem Raum zusammenarbeiten... Nun denn, ein wenig mehr Lockerheit mit dem Thema stünde der Serie generell gut zu Gesicht. Robert hat zumindest einen kleinen Hauch von Erotik eingeführt und das hat mir für Perry-Verhältnisse gefallen.
Dass in einer Nebenfigur offenbar der gute Hannibal aus dem A-Team Pate gestanden hat - Zigarre, Pilotenjacke über der Bordkombo und eher der ruhige Typ - hat mich ja durchaus amüsiert. Vielleicht ist das Potential für Leo Lukas, vielleicht hat man damit auch endlich mal wieder Figuren mit denen man sich reiben kann, die Kanten und Ecken haben. Zu wünschen wäre es.
Die Handlung um die pantherähnlichen Laosoor - aha, das ist also der Alien auf dem Cover - fällt dagegen etwas ab. Mag sein, dass Robert hier zu oft eine gewisse Filmreihe mit einem gewissen Danny Ocean gesehen hat, die Handlungsebene ist zwar spannend umgesetzt, die Charaktere sticheln gegeneinander, was dem Ganzen einen Hauch von Charme verleiht aber diese Handlung ist dann doch zu sehr Routine: Gut, wir lesen wie irgendwo eingebrochen wird. Schön. Beim ersten Mal habe ich das auch noch mit Wohlgefallen gelesen, beim zweiten Mal dann aber nur noch überflogen. Vielleicht hätten diese Passagen besser mit einer anderen Ezählperspektive gewirkt, das Adrenalin jedenfalls fehlt ein wenig. Leider, denn die Charaktere sind ja doch charmant. Dass man von ihnen noch hören wird deutet das Ende des Romans an - und die Vorschau natürlich auf die nächsten Romantitel. Ebenso wohl von Kamuko, die momentan eine Frau mit einer schweren Belastung ist - der Charakter hat mir gefallen, die Frau weiß was sie will und scheut sich das auch nicht zu sagen - hmm, hat Robert etwa doch ein wenig von Martha Jones... ;-)? Und sie kann vor allem eine Niederlage hinnehmen. Ich bin gespannt was aus der Figur noch gemacht wird.
Alles in allem ein Roman, der gut war. Nicht sehr gut, es gab bessere Jubiläumsbände, aber durchaus ein Roman, der zeigt was für ein Potential in der Serie liegt. Wenn man sich wie angekündigt auf die menschliche Ebene konzentriert - wobei die SIs ja nicht ganz auszuschließen sind - dann könnte der neue Handlungsabschnitt im Perryversum sogar einer werden, der mich wieder zum regulärerem Lesen animiert. Vorausgesetzt die Autoren machen nicht wieder den Fehler jetzt den Hebel auf "Halbe Kraft" in der Handlung zu stellen - die letzten vier Romane vor dem 2400er haben mir jedenfalls nur teilweise wirklich begeistert. Wenn die Handlung sich also nicht wie nach dem letzten Jubi-Band extrem künstlich in die Länge zieht, würde ich mich freuen.
Kurz noch zur Ausstattung: Der Klappumschlag ist wirklich hybsch geworden, auch das Glanz-Logo verleiht dem Band eine hybsche Ansicht. Im Mittelteil erfreut eine Zeichnung von Vincent Burmeister - komisch, warum bindet man eigentlich nicht die Zeichner der Perry-Comic-Serie ein für Innenillus, wenn die sowieso Erfahrung mit der Serie haben? Die Innenillus gibts diesmal in Comic-Manier von Dirk Schultz, mir haben sie gefallen. "Zielzeit(en)" lautet der Innenteil des Heftes, in dem es eine Abhandlung über die JULES VERNE gibt, natürlich von Rainer Castor, natürlich habe ich die überblättert, Technikgeschwafel innerhalb der Serie hat mich noch nie interessiert. Vorher aber werden alle Jubiläumsbände Revue passieren gelassen und das macht souverän Michael Thiesen. Komplett gespoilert wird man dann noch von einem farbig gestalteten, auf anderem Papier gedrucktem, Innenteil innerhalb des Mittelteils - klingt komplizierter als es ist. Dort werden nämlich einige Infos über die kommende Handlung verraten. Also zuerst Roman durchlesen, dann erst die Infos abgreifen.
Die klingen danach als würde man drei Handlungsebenen im nächsten Zyklus erwarten können: Atlan in Hangay, Bully auf der Erde - das hat irgendwie monosophische Ausmaße, dem Vorwurf des Recyclings von alten Handlungen wird man so schwerlich begegnen können - und Perry in der Vergangenheit. Und wenn man schon eine SOL-Kopie erstellt muss man anscheinend auch das Original aus dem Hut zaubern...
Wir werden sehen ob dieser Zyklus es schafft die Leser zu begeistern. Neuleser werden sicherlich eine Menge Wissen aus der Perrypedia brauchen, denn ohne Vorkenntnisse jetzt einzusteigen ist nicht machbar - obwohl man sich bemüht das Niveau des Romans so zu halten, dass auch Neuleser eventuell mitkommen. Aber das ist immerhin der vierte Abschnitt in einem Großzyklus und kein neuer kleinerer. Was ich übrigens durchaus für einen Wunsch halte, den man nach diesen Großzyklussen auch mal erfüllen könnte...