Ich hatte am 20. April die Gelegenheit die Pressevorführung von STAR TREK in Leipzig zu sehen. Und neben dem Hinweis, nichts zu Synchronisation sagen zu können - weil es dankenswerterweise die englische Sprachfassung gab -, muss ich auch sagen: Da ist etwas wirklich Großes entstanden. Spoilerfreies Review.
JJ Abrams stellt Star Trek auf den Kopf, schüttelt es, interpretiert es
anders als je ein Star Trek-Produzent nach Gene Roddenberry zuvor, und hinterläßt uns am Ende eines zweistündigen Abenteuers ein neues Universum. Dabei stößt er diejenigen, die Star Trek bisher liebten nicht vor den Kopf, verbeugt sich gar vor ihnen und referenziert jede Menge Dinge, die wir an Star Trek kennen und lieben. Während Stuart Baird, der bei Star Trek:Nemesis für frischen Wind im Franchise sorgen sollte, mit einer guten Geschichte einen visuellen und inszenarischen Totalschaden baut, kreiert JJ Abrams aus einer wunderbaren Geschichte ein riesiges Abenteuer mit imposanten Bildern.
Abrams und seine Autoren setzen dort bei Star Trek an, wo wir bisher noch nie waren: Ganz am Anfang. Zu Beginn der Beziehung, die Star Trek wie keine andere prägte - der, zwischen Kirk und Spock.
Wir erleben Kirks Geburt, die Auswirkungen eines Erwachsenwerdens ohne Vater, seinen Eintritt in die Sternenflotte und wie sich aus dem arroganten Landjungen der Kirk entwickelt, den wir aus Star Trek kennen. Am Ende gelingt Kirk-Darsteller Chris Pine gar das Künststück William Shatner und der Kirk zu sein, den wir 1966 kennengelernt haben.
Wir erleben Spock - den von Zachary Quinto und den von Leonard Nimoy. Und während Leonard Nimoy einen uns wohlbekannten Spock spielt, der sein menschliches Erbe durchaus auch genießt, präsentiert uns Quinto einen zerrissenen, strauchelnden Spock der mit sich und seinem Erbe ringt. Quintos Spock könnte nicht unterschiedlicher sein zu Nimoys Spock, und doch spielt in Quinto so wie ihn Nimoy früher spielte: Er ist überzeugend steif, mit kühler Fassade. Diese Unterschiede in der Figur Spock die Geschichte spannend. Denn erst die Jahre unter dem Kommando von Kirk und die Freundschaft Kirk/Spock machen aus Quintos zerrissenem Spock den Botschafter Spock den wir mit dem wohlbekannten Vulkanier mittlerweiles eher assoziieren.
Dann wären da Scotty, Uhura, Chekov, Sulu und McCoy. Und keiner muss sich verstecken, weder vor den Rollen die wir kennen und nicht vor dem, was die Schauspieler Pegg, Saldana, Yelchin, Cho und Urban auf der Leinwand präsentieren. Alle haben ihre Momente. Abrams ist es gelungen ein Ensemble zusammen zu holen, dass sich vor den Heroen der 60er Jahre verneigt, ihre Rollen adaptiert und gleichzeitig doch anders präsentiert.
Und nicht zuletzt erleben wir
sie. Den - heimlichen? - Star von Star Trek: Die Enterprise.
Sie sieht neu aus, anders. Und doch vertraut. Und der eigentliche wahre Gewinn für Tech-Trekkies am neuen STAR TREK ist, das uns Abrams die Schiffe von Star Trek zeigt, wie sie uns noch nie jemand gezeigt hat. So beraubt er Star Trek der ewigen und abstrusen oben/unten-Ebene, zeigt uns Raumschiffe auf dem Kopf stehend, dreht und wendet sie und zeigt endlich auch in Star Trek, dass es kein oben gibt. Und kein unten. Nicht im Weltall. Wer das neue Battlestar Galactica mag, wird auch das neue STAR TREK mögen, denn auch wenn Abrams nicht gänzlich ohne Geräusche im All auskommt, so setzt er die Geräuschlosigkeit des Weltalls doch gekonnt ein, wenn es dramaturgisch wichtig ist.
Daneben zeigt Abrams uns Ecken, Winkel und Räume die wir nicht erwartet hätten. Riesige Leitungen, Dreck, Öl, Abnutzung. Abrams Raumschiffe sind kein verdrecktes Loch, aber sie werden benutzt und unterscheiden sich deutlich von den sauberen Raumschiffen, die wir bisher in Star Trek kennen gelernt haben. Diese neuen Ansichten und der Betrieb auf den Gängen des Schiffs zeigen: Hier wird gelebt.
Die eigentliche Revolution von STAR TREK aber ist eine Revolution gegenüber den Star Trek-Fans. Die nämlich werden am Ende aus dem Film gehen und nicht nur eine wunderbare Geschichte erlebt haben. Sie werden nicht nur in Erinnerung an das alte Star Trek schwelgen, weil es Abrams tatsächlich gelingt das Flair und die Beziehungen wiederzubeleben. Star Trek-Fans werden auch realisieren, dass Star Trek im Kino nie wieder das Star Trek sein wird, das wir im Fernsehen sehen. Denn Abrams verändert 40 Jahre nach dem Ende der ersten Star Trek-Serie das Universum nachhaltig. Star Trek wie wir es 43 Jahre lang kannten hört nicht auf zu existieren, es wird auch nicht neu erfunden. Aber wir als Trekkies müssen ab jetzt damit leben, dass wir, reden wir von Kirk und Spock zwischen Kino und Fernsehen unterscheiden müssen.
STAR TREK 2009 ist nicht das humanistische Star Trek, das Gene Roddenberry 1966 kreierte. Es ist auch nicht das atmosphärisch dichte Star Trek: Der Zorn des Khan - Eric Bana ist gut, bleibt als Bösewicht Nero aber nicht im Gedächtnis. Die Geschichte hat ihre Kanten, die hätten noch glatt gebügelt werden können. So ist Vater Zufall zum Glück ein-, zweimal vor Ort um hilfreich einzugreifen, aber abgesehen davon überzeugt die Geschichte. Und die erzählt im Grunde von Menschen (und Vulkaniern), die sich entscheiden und zusammenraufen müssen. Die sich entwickeln und zueinander finden. Es ist eine Abenteuergeschichte, mit Action, Liebe, Witz und grandiosen Effekten. STAR TREK unterscheidet sich massiv von allem, was wir bisher als Star Trek gesehen haben. Musik, Schnitt, Perspektiven, ... Aber auf der anderen Seite ist es genau das, was mich als Star Trek-Fan dann auch in seinen Bann zog. Das Neue. Star Trek-Fans sollten sich von dem Film begeistern lassen, als Forscher ins Kino gehen und ihn unvoreingenommen sehen. Wer ihn mag wird am Ende mit einem breiten grinsen auf dem Mund nach Hause gehen - so wie ich. Und wer ihn nicht mag, bekommt im Film dann wenigstens einen Strohhalm, damit er ihn auch weiter nicht leiden können muss ... Leiden sollte man ihn aber eigentlich, denn er hat es verdient. STAR TREK 2009 ist ein wunderbares Abenteuer. Nicht nur für Star Trek-Fans, aber auch für die.
Thomas Gigold, ist seit 1991 Star Trek-Fan, bezeichnet William Shatner als seinen Helden und liebt Deep Space Nine. Derzeit liest er Star Trek: Titan. Er kennt nicht alle Erwerbsregeln der Ferengi, hat aber darüber hinaus Alles Wichtige von Star Trek gelernt.