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Heute vor 70 Jahren: Die Marsianer kommen! Orson Wells “The War of the Worlds"-Hörspiel

No one would have believed in the last years of the nineteenth century that this world was being watched keenly and closely by intelligences greater than man's and yet as mortal as his own; that as men busied themselves about their various concerns they were scrutinised and studied, perhaps almost as narrowly as a man with a microscope might scrutinise the transient creatures that swarm and multiply in a drop of water. With infinite complacency men went to and fro over this globe about their little affairs, serene in their assurance of their empire over matter. It is possible that the infusoria under the microscope do the same. No one gave a thought to the older worlds of space as sources of human danger, or thought of them only to dismiss the idea of life upon them as impossible or improbable. It is curious to recall some of the mental habits of those departed days. At most terrestrial men fancied there might be other men upon Mars, perhaps inferior to themselves and ready to welcome a missionary enterprise. Yet across the gulf of space, minds that are to our minds as ours are to those of the beasts that perish, intellects vast and cool and unsympathetic, regarded this earth with envious eyes, and slowly and surely drew their plans against us. And early in the twentieth century came the great disillusionment.


Mit diesen Worten beginnt im Jahre 1898 - also vor 110 Jahren - ein Roman, der stilbildend für ein ganzes SF-Genre werden sollte. Die "Dreibeinigen Herrscher", die da unversehens und unerwartet vom Mars auf die Erde herniederkommen, die sich vom Blut der Erdlinge ernähren und über deren genaueren Ziele nun so gar niemand etwas weiß haben ein vielfältiges Echo in der Popkultur hinterlassen. Und auch schon vor H. G. Wells Roman "The War of the Worlds" - der "Krieg der Welten" - haben Menschen sich fasziniert gefragt ob auf diesem roten Planeten, der seinen Namen vom römischen Gott des Krieges hat, nicht vielleicht doch Leben sein könnte. Jonathan Swift jedenfalls hat in "Gullivers Travels" - "Gullivers Reisen", all zu häufig leider nur zu einem simplen Kinderbuch verniedlicht - schon die Monde des Mars beschrieben und war dabei sogar - was den damaligen Wissensstand betraf - sehr korrekt. Und da waren Schiaparellis "Kanäle", die natürlich die Fantasie der Schriftsteller beeinflussten. Kanäle konnten natürlich nicht rein zufällig entstanden sein, also musste doch auf dem Mars jemand oder etwas sein, was diese Dinger gebaut hat. (Dass der Gute 1877 damit keine "Canals" sondern "Channels" meinte, nun... Und dass einige davon sich später als optische Illusion entpuppen würden, dämpfte den Erfindungsgeist der Autoren nun keineswegs.)
Ab 1890 jedenfalls waren auch die Wissenschaftler sich einig: Auf dem Mars muss es Leben geben. Immerhin verfärbten sich die Marsebenen ja je nach Jahreszeit. Es gab Sandstürme. Sauerstoff gab es auf dem Planeten ja auch hatte man nachgewiesen. Zudem passte der Mars ja so schön in die Vorstellung, dort einen sterbenden Planeten vor sich zu haben. Während die Venus eher als jung empfunden wurde - wegen der dichten Wolkendecke - sah man im Mars einen Planeten im Vergehen. Wäre es nicht sehr wahrscheinlich, dass die Marsianer sich gegen dieses Sterben irgendwie gewehrt haben? Zieht man dann noch den Glauben an den technischen Fortschritt dazu sowie die Tatsache, dass man auf der Erde ja selbst momentan dabei war Kanäle zu bauen - Sueskanal, Panamakanal - da war es doch logisch zu denken, dass der Mars bewohnt sein musste. 1901 sollte Nikola Tesla Radiowellen empfangen als deren Ausgangspunkt er den Mars vermutete. Drei Jahre nach dem Roman von Welles muss das etliche Menschen sehr, sehr nachdenklich gestimmt haben.

Dabei werden die englischen Leser als der Roman "The War of the Worlds" im Jahr 1898 erschien sich vermutlich nicht viel gedacht haben. An das sogenannten Invasion-Genre war man ja gewohnt. 1871 war nämlich "The Battle of Dorking" erschienen. In diesem Roman erobern deutsche Invasoren England - und es gibt darüberhinaus noch verblüffende Parallelen zum späteren Buch von Wells. So nutzt der Autor George Tomkyns Chesney wie Welles auch unter anderem die Ich-Perspektive um das Schrecken und das Grauen auszudrücken die das Land überfallen. "The Battle of Dorking" war die Initialzündung für eine Fülle von sogenannter "Invasion Literature", schließlich erschien der Roman zuerst im angesehenen politischen "Blackwood's Magazin" und das lasen damals sogar einflußreiche Politiker. Bis 1914 sollten an die 400 Romane in diesem Genre erscheinen - fast ist man geneigt anzunehmen dass hier die historischen Vorläufer für die Heftromanserie des "Landsers" zu finden sind aber das ist natürlich nur reine Spekulation. Doch festzustellen bleibt: Für viele Leser des viktorianischen Zeitalters wird "The War of the Worlds" nichts weiter als eine weitere spannende Invasonsgeschichte gewesen sein. Gut, diesmal waren es die Marsianer die das Königreich überfielen, aber sonst?

Heute sind wir natürlich etwas klüger. Wir wissen, dass H. G. Wells mit "War of the Worlds" im Grunde die Kolonialpolitik der Engländer kritisierte. Ebenso wissen wir, dass Wells ein starker Anhänger der Evolutionstheorie war - der Roman kann durchaus auch im Sinne des Sozial-Darwinismus gedeutet werden. Schließlich ist der Plan des Artilleryman eine gigantische Zivilisation im Untergrund, wozu er dann nur diejenigen heranziehen möchte, die es auch wert sind in eine solchen Gesellschaft zu leben:

Mind you, it isn't all of us that are made for wild beasts; and that's what it's got to be. That's why I watched you. I had my doubts. You're slender. I didn't know that it was you, you see, or just how you'd been buried. All these—the sort of people that lived in these houses, and all those damn little clerks that used to live down that way—they'd be no good. [...] And we form a band—able-bodied, clean-minded men. We're not going to pick up any rubbish that drifts in. Weaklings go out again.
(The Work of Fifteen Days)

Recht deutliche Worte also, die dieser Artilleryman da dem namenlosen Erzähler hinwirft. Noch eindrucksvoller natürlich wenn man die passende Stelle aus dem Konzeptalbum von Jeff Wayne dazu im Kopf abspielt. Wobei sich das letztlich nur als Hirngespinst eines Verrückten entpuppen wird. (Hier lässt sich natürlich fragen ob das Wells dann auch wirklich so ernst gemeint hat wie man das deuten kann...)

Springen wir ein wenig in der Zeit und versetzen uns ca. 30 Jahre zurück. Zwar hatten schon die Nazis in den 30-gern mit öffentlichen Fernsehstuben experimentiert, aber Fernsehen - das war damals noch richtige Science-Fiction. Unterhaltung kam durch das Radio, durch Sendungen wie "The Shadow" zum Beispiel. Aber auch Comedy und sogar die Adaptierung von Hollywood-Filmen - meistens mit dem Original-Cast übrigens - trugen damals zur Unterhaltung bei. Orson Welles hatte schon bei "The Shadow" mitgearbeitet, der später auch in einer eigenen Pulp-Serie erscheinen sollte und in den 90gern mit "Shadow und der Fluch des Khans" tatsächlich nochmal den Sprung auf die große Leinwand schaffte, wenn er auch nicht unbedingt erfolgreich war. (Wobei der Film durchaus etwas hat, immerhin lässt der Böse da ein ganzes Hochhaus mal eben so verschwinden...) Zurück zu Orson Welles, der den Charakter des "Shadow" für die wöchentlichen Hörspiele verkörperte - 30 Minuten lang, gesponsort unter anderem von einer Reifenfirma und eine recht bekannten Firma, die Kohle verkaufte. (Charaktere wie Sherlock Holmes bzw. der Erzähler Doctor Watson gaben sich natürlich mit sowas nicht ab, nein, das Hörspiel wurde von einer Weinfirma gesponsort...) Allerdings war Welles auch für eine siebenteilige Adaption von "Les Miserables" verantwortlich.
1938 bekam Welles das Angebot eine eigene Radiosendung zu produzieren. Eine Stunde lang. Zuerst als "Mercury Theatre" angekündigt wurde dann "Mercury Theatre on Air" daraus. Die Sendung lief bei CBS und der Sender gab Wells angesichts der erfolgreichen "Miserables"-Adaption ziemlich freie Hand. Der Focus sollte auf eigens für den Rundfunk produzierten Dramen liegen - und keine 1:1-Übernahmen von erfolgreichen Theaterstücken. Für die eine Stunde war Welles so ziemlich alles: In Kooperation mit John Houseman und anderen Autoren schrieb er das Drehbuch, sprach Rollen und produzierte das Ganze außerdem. Außer einigen Ausnahmen - so Thornton Wilders "Our Town" oder Shakespeare-Dramen - stützte sich Wells auf Romanvorlagen. "Huckleberry Finn", "A Tale of Two Citys" oder "The Count of Monte Christo". Bemerkenswert dabei ist einerseits, dass die erste Ausstrahlung "Dracula" und Bernd Herrmann für die Musik beim Theatre verantwortlich war.
Eigentlich nur als Ersatz für "Lux Radio Theatre" - man darf raten von welcher Seife die Sendung gesponsort wurde und hier gabs wöchentlich eine Stunde lang die Plots erfolgreicher Hollywood-Filme mit dem Original-Cast - gedacht wurde "Mercury Theatre on Air" zwar verlängert hatte aber mit starken Quotenrückgängen zu kämpfen. Kein Wunder: Vom Montag verschob man die Sendung auf den Sonntag. Zeitgleich zur beliebten Show mit dem Entertainer Edgar Bergen. Bis heute ist es rätselhaft wie ein Bauchredner im Radio Erfolg haben konnte - schließlich sah man die Puppe ja gar nicht mal...

Nochmal sollte man sich vergegenwärtigen welche Rolle das Radio 1938 spielte: Täglich kamen Nachrichten über den Krieg zwischen Japan und China. Am 15. September berieten sich Hitler und Chamberlain über die Zukunft der Tschecheslowakei. Am 25. September wurde die Sendung "Sherlock Holmes" durch eine Eilmeldung, die von der Krise in München berichtete, unterbrochen - mehrmals noch sollten Hörspiel-Sendungen durch aktuelle Eilmeldungen unterbrochen werden. Am 27. Oktober hatte zudem der Columbia Workshop ein Stück gesendet, in dem ein Protagonist von dem Beginn eines Krieges erzählte. Und zwar so als wäre er live dabei. Kann es da verwundern, dass das Hörspiel "The War of the Worlds" bei etlichen Amerikanern durchaus für bare Münze genommen wurde? Zudem kam noch dazu, dass die meisten Amerikaner völlig unvorbereitet in das Hörspiel hineinzappten.
Pünktlich am 30. Oktober des Jahres 1938 um 20:00 Uhr hatte Welles mit der Live-Ausstrahlung des Hörspiels - Aufzeichnungen waren damals recht unüblich - begonnen. Ebenso begann die Sendung mit Edgar Bergen - "Chase and Sanborn Hour" - recht pünktlich und um 12 Minuten nach 20:00 Uhr war der erste Teil der Show zu Ende. Anstatt nun der musikalischen Unterbrechung zu lauschen schalteten etliche Amerikaner um. Da sie weder die Ankündigung noch den Prolog von Welles mitbekamen waren sie von dem was jetzt kam völlig überrascht: Herrmanns Tanzmusik wurde regelmäßig von Reporterberichten unterbrochen, die von einer Invasion in den USA erzählten. Es klang - und es klingt auch heute noch - tatsächlich echt, vor allem weil auch zwischendurch nicht mehr erklärt wurde, dass es sich eigentlich nur eine Adaption von "War the Worlds" handelte.

Kein Wunder, dass Panik ausbrach und AP sich genötigt sah um 20:48 eine Pressemeldung herauszubringen, in der man nachdrücklich beteuerte, dass es keine Invasion gab. Doch bis dahin waren schon Dutzende von Amerikanern mit Sack und Pack von New Jersey, dem Ort der fiktiven Invasion, auf den Weg in die Großstädte, die "New York Times" erhielt 875 besorgte Anrufe und in Trenton gaben einige Bürger sogar Gasmasken aus. Wenn diese Amerikaner die Sendung bis zum Ende gehört hätten, hätten sie wohl erkannt, dass sie völlig grundlos in Panik gerieten. Schließlich trat am Schluss der Sendung Orson Welles nochmal hervor und versicherte, dass das Ganze nur auf Halloween vorbereiten sollte und dass man nicht erschrecken sollte, keine Invasoren würden am nächsten Abend an die Haustür klopfen. Aber da war es schon zu spät und am anderen Morgen musste sich Welles dann in einer Pressekonferenz rechtfertigen. (Das Universal News Reel kann man sich natürlich im Netz anschauen.)
CBS musste im Nachhinein noch einige Prozesse außergerichtlich regeln und die FCC nahm das Ganze zum Anlaß sich die Sendung genauer anzuschauen, unterließ es aber einzugreifen. Immerhin: Die ganze Aufregung brachte Welles einen neuen Sponsor ein. Campbells Soup. Deren Dosen dann später nochmal berühmt werden sollten, aber das ist eine andere Geschichte. Dementsprechend wurde aus dem "Mercury Theatre on Air" "The Campbells Playhouse". 1939 dann unterschrieb Welles bei RKO, das Radio-Crew machte noch etwas ohne ihn weiter aber schließlich wurde die Sendung eingestellt. Um ganz kurz 1946 mit Welles Hilfe wiederbelebt zu werden. Sehr kurz. Kaum der Rede wert.

Die Invasoren vom Mars haben seither die Menschen nicht losgelassen. Es wimmelt von Dreibeinigen Maschinen und Monstern in der Literatur, im Comic, im Film. Heutzutage wissen wir natürlich, dass es keine Marsianer und auch keine Dinosaurier auf der Venus gibt vor denen wir uns also auch nicht zu fürchten brauchen. Da sind die Finanzkrise, die Rezession oder die Furcht um den Arbeitsplatz schon wichtiger - obwohl: Vielleicht kann man von Wells doch etwas lernen was diese Ängste anbelangt. So groß die auch sein mögen, es genügt oftmals ein kleiner Anlass um sie umzuhauen... Doch überlassen wir das letzte Wort H.G. Wells:

I go to London and see the busy multitudes in Fleet Street and the Strand, and it comes across my mind that they are but the ghosts of the past, haunting the streets that I have seen silent and wretched, going to and fro, phantasms in a dead city, the mockery of life in a galvanised body. And strange, too, it is to stand on Primrose Hill, as I did but a day before writing this last chapter, to see the great province of houses, dim and blue through the haze of the smoke and mist, vanishing at last into the vague lower sky, to see the people walking to and fro among the flower beds on the hill, to see the sight-seers about the Martian machine that stands there still, to hear the tumult of playing children, and to recall the time when I saw it all bright and clear-cut, hard and silent, under the dawn of that last great day...
And strangest of all is it to hold my wife's hand again, and to think that I have counted her, and that she has counted me, among the dead.


Die englische Wikipedia hat einen reichen Fundus von Links, daher verzichte ich hier mal auf eine Auflistung im Speziellen. Das Buch von H.G. Wells findet sich in der WikipediaCommons und bei den alten Hörspielen scheint das Urheberrecht in den USA abgelaufen zu sein. Von daher steht einem - ähm - besinnlichem Abend mit Wells und Wells wohl nichts mehr im Wege.
Geschrieben von: Christian Spliess
30.10.2008, 19:18 Uhr | Kategorie: Allgemein
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