Es gibt nichts Neues unter der SF-Sonne?
Braucht die SF eine Auszeit? Das ist eine Frage, die ich mir auch seit längerem stelle, die aktuelle Urban-Legens-Kolumne jedenfalls ist der Meinung, dass sie das vielleicht durchaus mal brauchen könnte. I beg to differ.
"Und siehe, es gibt nichts Neues unter der Sonne." Diese Klage ist fast schon so alt wie die Bemerkung, die heutige Jugend würde absolut nichts taugen und sich um nichts kümmern. Genauso wie die Behauptung dass früher ja alles besser gewesen wäre. Worauf ich immer mit Dickens antworten würde: "Es war die beste Zeit. Es war die schlimmste Zeit." Und auch für die SF gilt dies.
Es ist momentan natürlich etwas schwierig an guten Stoff zu kommen wenn man SF-Fan ist. Wohlgemerkt: Hierzulande. Battlestar floppte, Star Trek lebt zur Zeit auf Sparflamme und Doctor Who ist noch nicht in Sicht. Und ja - Battlestar und Doctor Who sind Remakes. Sie sind also in sofern nichts Neues wenn man das Neue darauf bezieht, dass sie neue Ideen oder neue Einsichten in die SF bringen. Oder doch? Haben wir das nur nicht bemerkt hierzulande, dass sich hinter einem alten Thema im neuen Gewand auch neue Ideen verstecken können?
Nehmen wir mal Battlestar. Battlestar lenkt den Augenmerk nicht so sehr auf tolle technische Effekte sondern auf die menschlichen Aspekte - etwas, was eigentlich Star Trek hätte leisten sollen aber irgendwie hat man dort vergessen dass SF nicht nur Ausstattungssache ist. So wie ein gewisser Herr Lucas. Nein, Battlestar fragt sich: Wie reagieren Menschen in einer Kriegssituation? Wie lebt man in einer permanenten Anspannung, unter permanenten Druck? Wie kann man sich seine Menschlichkeit in einer unmenschlichen Situation bewahren? Ich glaube, dass die meisten Fans hierzulande eher auf ein tolles Effektegewitter gehofft haben beim Remake - aber das ist nicht das was die Macher interessiert.
Nehmen wir Doctor Who. Die Grundprämisse hat sich in der ersten neuen Staffel auch nicht geändert: TARDIS - Time Lord - Companion. Doch auch hier ging es nie um Effekte oder um tolle Ausstattungen sondern ebenso wie Battlestar konzentrieren sich die Macher auf die Charaktere. Nie zuvor haben wir einen Companion so energisch dem Doctor Kontra geben sehen, nie zuvor kehrte ein Charakter auf die Erde zurück und nie zuvor gabs einen dunkleren, zerrisseneren Doctor als Christopher Eccleston: Geprägt von einem Krieg, aus dem er als letzter Time Lord hervorging, bemüht darum seitdem seinen Frieden zu finden.
Momentan rückt die SF wieder das in den Focus worum es eigentlich geht. Um den Menschen. Wir hatten die Erforschung des Inner Space natürlich schon mal - also auch hier nichts Neues, ja, ja, jabber, jabber - aber wir, die wir jahrzehntelang eine Art von "Bigger, better, higher" in der Computertechnologie und den Effekten erlebt haben sind offenbar dermaßen auf das Visuelle trainiert, dass wir darüber vielleicht vergessen haben, dass SF mehr ist als nur toll aussehende Planeten, ballernde Raumschiffe und glaubwürdig dargestelle Aliens. Diese hatte zumindest "Farscape" und auch diese Serie rückt die Charaktere in den Mittelpunkt. Etwas, was Star Trek irgendwie versäumt hat obwohl ich hier noch das beste Amalgam beider Welten sehe: Einerseits hat Star Trek immer gute Geschichten über eine Gesellschaft erzählt, die positiv und vielleicht utopisch aber in kleinen Schritten machbar ist, andererseits hat Star Trek auch natürlich Raumschlachten, fremde Planeten und tolle Kulissen. Nichts gegen diese Utensilien, sie gehören natürlich zum SF-Inventar dazu aber sie alleine machen noch keine SF. Natürlich ist das bei "Farscape" noch viel besser gelungen, aber Star Trek hat einen Vorteil: Star Trek ist Mainstream geworden. Und insofern wäre gerade deswegen hier die Möglichkeit gegeben nochmal neu anzufangen, Dinge besser zu machen. Natürlich braucht man sich nur eine Folge von "Farscape" anzusehen um zu erkennen was Star Trek eventuell besser machen muss. Oder Battelstar meinetwegen.
Ich glaube, dass die aktuelle "Urban Legends"-Kolumne einen bedeutenden Faktor übersieht: Wir leben in einer Gesellschaft, die die ganzen Zukunftsprognosen der letzten Jahrzehnte mehr oder weniger erfüllt hat. Offenbar lähmt uns dies etwas wenn es darum geht wirklich neue, atemberaubende Dinge für die nächste Zukunft zu prognostizieren weil wir in einem Zeitalter der erfüllten Technologie leben. Alles ist heute vorstellbar. Alles ist greifbar. Wir tragen alles unsere Kommunikatoren mit uns herum, einige von uns haben sogar eine Variante im Auto die uns sagt wann wir wo abbiegen müssen um unser Ziel zu erreichen. Das Internet ist nicht der Cyberspace geworden den Gibsons voraussagte, aber wir nutzen es fast selbstverständlich wie die Consolencowboys um an Informationen und Daten zu kommen. Künstliche Intelligenzen sind vorstellbar. Was also können wir noch von der Zukunft erwarten wenn die Gegenwart schon so mit SF ausgefüllt ist? Eine Menge. Denn der menschliche Geist ist glücklicherweise erfinderisch, neugierig, forschend. Ja - momentan werden viele Themen aus dem SF-Kanon wiederverwertet. Aber das macht jedes Genre. Der Trick ist aus den bekannten Einzelheiten etwas Neues zu schaffen. Es mag sein, dass die wunderbaren gigantischen Neuheiten in der SF momentan nicht daherkommen, dass es keine neuen Strömungen wie den Cyberpunk zur Zeit gibt, dass wir glauben es wäre alles schon gesagt und alles schon mal verwertet worden. Doch wer sagt denn dass Neuheiten stets mit einem Paukenschlag auf die Weltbühne treten? Die meisten Neuheiten vollziehen sich im Gewand des Altvertrauten.
Solange SF wie Doctor Who oder BG überhaupt das Interesse an der Zukunft wachhält, Fragen stellt über die man nachdenken sollte, solange ist die SF noch lange nicht am Ende. Im Gegenteil: Die Zukunft ist wild. Freuen wir uns darauf.